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„Seid mutig, fangt an, probiert aus!“

Der Energieträger. 
Prof. Dr. Günther Schuh und seine Vision der Elektromobilität.

Es gibt Visionäre. Und es gibt Pioniere. Der Unterschied? Pioniere träumen nicht von der Zukunft, sie gehen ihr mit großen Schritten entgegen. Einer von ihnen: Günther Schuh. Und das nicht nur, weil er mit seiner Körperlänge von 2,03 m für große Schritte prädestiniert ist. Er hat die Deutsche Post mit einer vollelektrischen Paketdienst-Flotte ausgestattet, lässt sein eigenes Elektroauto in einer der modernsten Fabriken der Welt fertigen - und weiß wie kein Zweiter, wie sich die Elektromobilität in den kommenden Jahren entwickeln wird. Wir haben mit ihm gesprochen.

Wo früher Fernseher für den europäischen Markt gelötet, verklebt und montiert wurden, entsteht heute eine kleine Sensation: ein Elektrofahrzeug für die kurze Strecke - und den kleinen Geldbeutel. Und das made in Germany. Industrie 4.0 mit eigenem 5G-Netz und autonom fahrenden Transport-Schlitten. Eine Halle voller Roboter? Mitnichten. Stattdessen sollen hier bald bis zu 140 Arbeiter im Einschichtbetrieb 10.000 Autos pro Jahr produzieren. Entworfen und verwirklicht hat diese Fabrik Günther Schuh, Professor der RWTH Aachen, einer Exzellenz-Universität im Bereich Maschinenbau und Ingenieurwesen. Im Frühjahr sollen die ersten Serienfahrzeuge an Kunden ausgeliefert werden. Ein Professor, der seine Forschung selbst in die Praxis umsetzt: ungewöhnlich. Aber nicht das erste Mal, dass unser Gesprächspartner seinen ganz eigenen Weg geht.

Porsche meets E-Performance - für Sportwagenfan und Elektro-Pionier Prof. Dr. Günther Schuh das Beste aus zwei Welten.

Herr Professor Schuh, wer Sie treffen will, hat die Wahl zwischen mindestens drei Büros. Eines auf dem Campus der Universität, eines im Hauptsitz Ihrer Firma e.GO Life und eines in der Fabrik. Was sind Sie denn nun: Professor oder Unternehmer?

Ich werde oft gefragt, ob ich lieber Unternehmer oder Professor bin. Meine Antwort ist in der Regel: ja. Ich mache beides genauso gerne. Ein Forscher, der umsetzen und praxisnah arbeiten will, ist attraktiv für die Studierenden. Und umgekehrt: Ein Unternehmer, der sich sehr für die Theorie interessiert, ist meistens von Vorteil, weil man begründeter und logischer vorgehen kann. Und das ist übrigens bei der Elektromobilität im Moment besonders gefragt.

Ihr Wissen haben Sie hier in der Fabrik des e.GO Life an allen Ecken und Enden einbringen können. Wie macht sich das bemerkbar?

So wie Sie jetzt beim Taycan durften wir hier auch im Prinzip von Grund auf eine komplett neue Fabrik aufbauen. Das ist in unserem Fall eine idealtypische Industrie-4.0-Fabrik. Die hat so viel Eleganz in den Abläufen, weil sie im Prinzip durch alle IT-Systeme getragen wird. So macht sie das Arbeiten für alle so viel angenehmer, weil sie die Hektik aus dem klassischen Produktionsbetrieb nimmt. Das konnten wir deshalb, weil wir daran 10 Jahre geforscht haben. Wir hatten eine ähnliche Produktion bereits im Labor auf dem RWTH Aachen Campus aufgebaut und als wir e.GO Life gegründet haben, haben wir den Ablauf direkt hierher transferiert. Das ist also alles andere als die vielbeschriebene "Production Hell", sondern schon ein bisschen der Himmel - gerade für mich als Produktionswissenschaftler.

"Das ist nicht die 'Production Hell', sondern schon ein bisschen der Himmel."

Mindestens so wichtig wie die Umstände, unter denen Sie hier produzieren, ist aber auch, was Sie hier produzieren. Das Elektrofahrzeug, das Sie nicht fanden. Also haben Sie beschlossen, es selbst zu bauen?

Das Zitat von Ferry Porsche, auf das Sie anspielen, kenne ich natürlich. Und es ist durchaus eine Leitidee für uns. Vielleicht war es aber nicht das Auto, von dem ich träumte, sondern das Auto, das ich für dringend notwendig gehalten habe. Ich glaube, dass die Elektromobilität gerade in der Stadt doppelt notwendig ist. Weil sie dort nicht nur zur CO₂-Reduktion, sondern auch zur NOX-Reduktion stark beitragen kann. Genau deshalb brauchen wir einen Masseneffekt, also Elektroautos, die sich praktisch jeder leisten kann. An dem Thema "bezahlbares Auto" bin ich bereits seit 25 Jahren dran. Das heißt: Autos modularer aufzubauen, mit weniger kapitalintensiven Produktionsanlagen.

 

Das Ergebnis nennt sich e.GO Life.

Genau. Wir wollten ein sehr urban ausgelegtes Fahrzeug bauen, also ein kleines und reichweitenbegrenztes Auto, das aber entsprechend dem geringeren Nutzen auch deutlich günstiger ist. Es hat uns anfangs keiner geglaubt, wir haben es selber manchmal nicht geglaubt. Heute können wir aber stolz sagen: klappt und geht. Der besondere Teil dabei: Wenn Sie in der Stadt mit dem e.GO Life fahren, dann spüren Sie keine Einschränkung. Das macht an der Ampel ungefähr genauso viel Spaß wie mit einem Porsche. Zumindest auf den ersten 30 - 40 Metern haben wir eine ernsthafte Chance.

Eine weitere Gemeinsamkeit, die uns am e.GO Life direkt aufgefallen ist: Er hat besonders vorn eine gewisse Ähnlichkeit zum 911. Zufall oder volle Absicht?

Es ist kein Zufall, dass unser e.GO Life von vorne dem 911 ähnelt. Ich bin schnell als Porsche Fan zu erkennen und habe als solcher unserem italienischen Designer den Auftrag gegeben, gerade an der Frontpartie eine gewisse designerische Ähnlichkeit zu provozieren. Mit den freundlichen Augen, mit den kleinen Erhebungen über den Scheinwerfern - das ist 911er-like, das ist Absicht, das ist nicht zufällig so entstanden. Und außerdem hat er auch noch ein freundliches Gesicht, das auch eine gewisse Ähnlichkeit zum Porsche Design hat. Ich gebe gerne zu, dass das mit Absicht herbeigeführt wurde.

Vertraute Rundungen: Die Front des e.GO Life erinnert nicht nur Porsche Kenner an die Ikone 911 - nicht ganz unbeabsichtigt, wie Günther Schuh zugibt.

"Das macht an der Ampel ungefähr genauso viel Spaß wie mit einem Porsche. Zumindest auf den ersten 30-40 Metern."

"Ich habe gar keinen Zweifel, dass der Taycan ein grandioses Auto wird."

Womit wir wieder beim Fahrspaß wären. Was meinen Sie: Wird der Taycan so viel Spaß machen wie ein 911?

Ich weiß, dass das viele bezweifeln, weil ja allein schon das sensationelle Motorengeräusch fehlt. Jetzt fahre ich aber schon länger elektrisch und weiß, dass es dafür guten Ersatz gibt. Keinen Geräuschersatz zwar, aber das Fahrverhalten eines gut ausgelegten elektrisch angetriebenen Fahrzeugs hat ein paar Spaßkomponenten, die da gut mithalten können. Allein das unglaubliche Drehmoment ab Winkelminute 1 ist einfach eine Wucht. Diese Wucht, diesen unglaublichen Fahrspaß wird man beim Taycan besonders beim Beschleunigen spüren. Was ein Elektroauto ebenfalls mitbringt und der Taycan im Besonderen: Es gibt einen unglaublich niedrigen Schwerpunkt, der ein Handling ermöglicht, das bis dahin gar nicht vorstellbar war. Und diese beiden Elemente sind so stark, die wird jeder spüren und nach kurzer Zeit sagen, dass ihm das Motorengeräusch gar nicht fehlt. Es wird sehr emotional werden, da bin ich ganz sicher.

Sie sind sich so sicher, dass Sie sich selbst eine Anzahlungsoption auf den Taycan gesichert haben. Wie kam es dazu?

Ich durfte im letzten Jahr auf einem Kongress über Elektromobilität philosophieren. Dort habe ich den Mission E gesehen und den Vortrag Ihres Vorstandsvorsitzenden Oliver Blume verfolgt. Als ich gehört habe, was das Ziel und die Vorgaben für den Taycan waren - und da ich Porsche ganz gut kenne, war ich mir sicher: Das wird ein perfektes Elektroauto. Da war meine einzige Sorge, dass ich auch wirklich einen bekomme. Ich habe gar keinen Zweifel, dass das ein grandioses Auto wird. Ich habe also sofort angezahlt. Und ich freue mich jedes Mal über die neuen Informationen, die es jetzt sukzessive über das Auto gibt.

 

Die Elektromobilität gewinnt immer mehr an Fahrt - Taycan und e.GO Life stehen in den Startlöchern. Aber wie sehen Sie die Mobilität der Zukunft? Wie kommen wir 2030 von A nach B?

Entgegen vielen Prognosen wird das Auto weiter eine große Rolle spielen. Der PKW wird nicht im großen Stil durch etwas anderes ersetzt werden. Das wird nicht passieren. Was aber passieren wird: Wir werden uns nicht mehr erlauben, dass wir bis tief in die Innenstädte mit unserem einzelnen PKW, einer pro Fahrzeug, hineinfahren. Das können wir aus Verkehrsinfarktgründen, aus Staugründen und aus Emissionsgründen nicht.

 

Wenn wir mit einem Elektrofahrzeug von Stuttgart nach Aachen gekommen wären, hätten wir deutlich weniger Lade- als Zapfsäulen gefunden. Gibt es überhaupt genügend Möglichkeiten, um ein E-Auto zu laden?

Das, was die großen Energieversorger sich gemeinsam mit der Automobilindustrie vorgenommen haben, allein in den nächsten zwei bis drei Jahren, sollte jedem die Sorge nehmen, mit einem reinen Elektrofahrzeug nicht rechtzeitig an irgendeine Ladesäule zu kommen.

 

Und der Strom für diese Ladesäulen - schaffen unsere Kraftwerke das, wenn die ganze Welt elektrisch unterwegs ist?

Ja, die schaffen das. Die Sorge kann man zerstreuen. Die Energieversorger beunruhigt es überhaupt nicht, dass Elektrofahrzeuge in größerer Menge kommen. Die freuen sich regelrecht auf das Geschäft, um noch etwas mehr von ihrem teils überzähligen Strom verkaufen zu können.

"Es ist weder schlimm noch irgendwie komisch, es macht sogar Spaß."

Die Reichweiten von Elektroautos sind noch immer der größte Vorbehalt im Vergleich mit Verbrennern. Sind die Reichweiten für den Alltagsnutzen wirklich zu kurz?

Die Reichweiten, die man mit Elektrofahrzeugen erreichen kann, sind für den praktischen Nutzen eigentlich nicht zu kurz. Das Gefühl der Nutzer ist aber leider noch anders. Man glaubt, es reicht nicht. Man hat Angst davor, liegenzubleiben und auch keine Reservereichweiten zu haben, wenn sich das Fahrtziel ändert. Gegen das Gefühl lässt sich nur dadurch etwas tun, dass man die Menschen es ausprobieren lässt und indem man ihnen zeigt, wie ihr Nutzungsverhalten ist.

 

Wo sehen Sie stattdessen die Herausforderungen für die Elektromobilität?

Meine Hauptsorge ist, dass wir uns alle als Gesellschaft, als Kunden vor allen Dingen, nicht trauen diese Mobilitätswende auch wirklich anzunehmen und wirklich zu gestalten. Ich kann nur sagen: "Fahrt mal ein Elektroauto. Probiert es aus und stellt fest: Es ist weder schlimm noch irgendwie komisch, es macht sogar Spaß." Mich stört zutiefst, dass viele denken, so ein E-Auto sei eine Verzichtserklärung. Aber das muss es gar nicht sein. Ganz im Gegenteil: Es kommt eigentlich ein zusätzlicher Spaßfaktor hinzu - das werden der e.GO Life und der Taycan im Besonderen beweisen. Es braucht die First-Mover-Kunden, die einfach mal sagen: "Ich weiß zwar noch nicht alles, aber es muss anders werden, es muss besser werden, ich probier's mal aus." Mit Abwarten haben wir noch nie etwas gewonnen. Sondern mit Machen, mit Anfangen - und genau jetzt ist die Zeit anzufangen. Und ganz nebenbei: Beschleunigung, Fahrspaß, Handling und Vernunft - wo kommt das schon einmal zusammen? Spaß und Vernunft in einer unheimlich seltenen Mischung.

Die e.GO Mobile AG wurde 2015 von Prof. Dr. Günther Schuh als Hersteller von Elektrofahrzeugen gegründet. Auf dem RWTH Aachen Campus profitiert die Entwicklungsabteilung von e.GO Life vom einzigartigen Netzwerk des Campus mit seinen Forschungseinrichtungen und ca. 360 Technologieunternehmen. In agilen Teams wird an verschiedenen kostengünstigen und kundenorientierten Elektrofahrzeugen für den Kurzstreckenverkehr gearbeitet. Für die Serienproduktion hat die e.GO Mobile AG ihr neues Industrie-4.0-Werk im Aachener Stadtteil Rothe-Erde im März 2019 in Betrieb genommen.

"Ich glaube, dass die Mobilität grundsätzlich für alle Fahrzeuge immer auch elektrisch sein sollte."

 

Deutschland ist als Autoland in der Welt bekannt. Nur nicht in puncto E-Mobilität. Zu Recht?

Nein, das absolute Know-how-Zentrum weltweit für hybridelektrische Fahrzeuge liegt in Deutschland. Schon heute. Jetzt müssen wir es auch noch schaffen, dass für die rein elektrischen Fahrzeuge das Epizentrum der Elektromobilität als Ökosystem hier wieder in diesem Automobilland Deutschland entsteht. Und ich habe ein sehr gutes Gefühl, dass das gelingt.

 

Hat ein Sportwagen in dieser Zukunftsvision noch Platz?

Ein früherer Vorstandsvorsitzender von Porsche hat einmal gesagt: Einen Sportwagen und insbesondere einen Porsche braucht keiner. Aber wenn Sie ihn mal gehabt haben, können Sie nicht mehr darauf verzichten. Und deswegen wird es ganz viele geben, die daran mal geschnuppert haben, die das mal ausprobiert haben, die mal einen hatten - und die nicht darauf verzichten werden.

 

Zwischen Zukunftsvisionen und Produktionsalltag im Hier und Jetzt wurde eins klar: Vernunft ist ein Treiber der Elektrifizierung des Automobils - aber eben nicht der einzige. Genauso wichtig: Träume. So wie der Traum eines Produktionswissenschaftlers, der beweisen wollte, dass es möglich ist, ein günstiges Elektrofahrzeug in Deutschland zu fertigen. Oder der eines Teams von Ingenieuren und Designern, das den Sportwagen einmal mehr neu erfindet.